Im Durchschnitt sterben in der Bundesrepublik Deutschland jährlich zwischen 11.000 und 12.000 Menschen durch Suizid, wobei zusätzlich von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. Diese Zahl entspricht ca. 1,3% aller Todesfälle und übersteigt damit die Anzahl der Verkehrstoten bei weitem. – Quelle
Ich beschäftige mich oft mit Dingen, die andere nicht hören möchten. Nicht, dass es mir Spaß macht, aber meine Gedanken können nicht anders als wandern. Sie rasten nicht. Und manchmal ist es Inzest, dann ist es Brutalität, Gewalt oder aber SVV (Selbstverletzendes Verhalten) – die Gewalt gegen sich selbst. Und eines der großen Themen wo ich meist auf Ablehnung stoße, ist der Themenbereich Suizid. Auch wenn ich – zugegebenermaßen – auch bei Inzest bei ca. 90% – wenn nicht noch mehr – auf Verständnislosigkeit stoße, wenn ich es nicht so stark kritisiere und verurteile wie andere.
Meiner Meinung nach, fällt die Liebe dorthin, wo sie hinfällt. So ist es nun einmal und daran können wir nichts ändern. Aber das auszudiskutieren ist meist so als würde man einem Schwulenfeindlichen versuchen zu erklären, dass Homosexuelle genauso Menschen sind wie alle anderen auch. Nun ja, ich zwinge niemanden, meine Meinung anzunehmen. Ich möchte nur, dass man auch einmal darüber nachdenkt, bevor man neunmalklug daherredet. Ich rede, wenn ich von Inzest spreche, nicht von den Vergewaltigungen innerhalb einzelner Familien. Ich rede dabei von einfachen Mädchen und Jungen, die sich in jemanden verliebt haben, der leider das Pech hatte dasselbe Blut wie sie selbst zu tragen. Schließlich möchte ich niemanden dazu animieren mit ihren Geschwistern eine intime Beziehung einzugehen. Ich denke nur, dass jeder Verständnis verdient.
Aber nun komme ich von dem eigentlichen Thema ab. Der Block Inzest ist zu groß, um ihn mit Suizid in einen Beitrag zu packen. Also werde ich wahrscheinlich noch später schreiben, was ich persönlich davon halte. Nun erst einmal zu meinen Ansichten und Erfahrungen, die ich mit dem Thema Suizid gemacht habe. Doch ich möchte vorausschicken, dass ich die Begründung: “Man darf sich nicht selbst töten, weil man sonst in die Hölle kommt.” bereits von vornherein als Schwachsinn ausschließen werde. Tut mir Leid an diejenigen, die daran glauben. Ich selbst bin davon überzeugt, dass dieses Argument veraltet ist.
Suizid, ja, was ist das eigentlich genau? Überall hört man es, überall sagt man es und doch schweigt man am Ende. Es ist kein passendes Thema. Am besten man spricht nicht darüber. So reagieren jedenfalls die meisten. Dabei ist gerade das, was unangenehm ist, das, was ausgesprochen werden muss.
Dies hier ist, was unser allseits beliebtes Wörterbuch Wiktionary zu dem Wort Suizid zu sagen hat (jedenfalls zu seiner Bedeutung):
- [1] Selbstmord, Selbsttötung.
- [2] Handlung gegen Leib und Leben der eigenen Person, welche in den meisten Staaten unter Strafe steht.
Und das ist wohl das, was bei den meisten Menschen auch im Gehirn hängen bleibt, wenn sie sich in der Schule oder von den Nachrichten berieseln lassen. Noch ein paar Vorurteile hineingeworfen und schon hat man einen perfekten Mix.
Ein Mensch, der selbstmordgefährdet ist, hat einen Knacks. Ein Mensch, der deswegen zur Therapie geht, ist vollkommen durchgeknallt oder aber einfach nur eine ewige Heulsuse. Sind das nicht die Bilder, die die meisten mit so etwas verbinden? Und dann fallen Sätze wie: “Lass ihn/sie in Ruhe.” “Sprich sie/ihn nicht darauf an.” “Sei nett.” Es ist nicht so, dass Suizidgefährdete eine völlig andere Spezies von Mensch sind. Sie sind alle so wie wir; nur sind sie innerlich gebrochen worden und wissen nicht wohin mit ihrer verletzten Seele. Sie sind lebensmüde, weil das Leben sie zu oft enttäuscht hat. Sie sind nicht krank. Sie sind nur verzweifelt.
Das heißt aber nicht, dass sie jeden Tag trüb in die Gegend schauen müssen. Jeder kann solche Gedanken hegen. Man kann nach außen hin glücklich scheinen und sich am nächsten Tag vor den nächsten Zug stürzen. Aber Menschen bemerken das wohl nicht. Oder wenigstens nicht so einfach. Denn es stimmt: Es ist oft schwer zu unterscheiden zwischen Depressionen und Stimmungsschwankungen. Genauso ist es nicht immer möglich zu wissen, ob jemand nun reden möchte oder aber nicht. Nur – davon bin ich überzeugt – ist es nie eine Lösung nicht zu reden.
Ein Mensch heilt nicht von einer Sekunde auf die andere. Die Seele selbst ist etwas Komplexes, das man nicht dauerhaft alleine lassen kann. Doch bisher erfuhr ich für meinen Teil eher Ablehnung als wirkliche Hilfsangebote. Sprach man von Suizid oder aber von solcherlei Gedanken allein, dann wurde man bereits als “merkwürdig” oder “suspekt” angesehen. Und am liebsten wollten die Gesprächspartner das Thema ganz fallen lassen. Zeigte man hingegen am Tag darauf ein fröhlicheres Gemüt, wurde nicht einmal nach dem plötzlichen Wechsel gefragt. Mit einem Lächeln wurde das einfach hingenommen und “abgesegnet”. Dabei ist so etwas ein noch stärkerer Hilfeschrei als zuvor. Denn meist ist gerade solch ein Verhalten ein Zeichen dafür, dass der Mensch wahrscheinlich schon ein schlimmeres Stadium als zuvor erreicht hat. Sprach er/sie vielleicht noch vorher darüber oder zeigte es aber durch seine/ihre Stimmung, so versteckt er/sie sich geradezu hinter einem Lächeln und kapselt sich durch eine Maske endgültig ab. Und vielleicht hat sich der Entschluss zum Selbstmord sogar bereits in seinem/ihrem Kopf festgesetzt.
Was dabei nicht wirklich hilft, ist, dass sich bei einigen potentiellen Helfern sich der Gedanke breit gemacht zu haben scheint, dass Ablenkung auch Heilung ist. Doch Ablenkung wird nie mehr als Ablenkung sein. Du kannst die Probleme nicht einfach so wegreden, indem du ein anderes Thema einschlägst. Du kannst sie damit vielleicht kurzfristig aus den Gedanken des einen verbannen, aber sie lauern danach nur darauf, wieder hervorzubrechen; meist sogar in Kombination mit anderen Problemen, was alles nur noch schlimmer macht. Und bei manchen Helfern sitzt sogar die Überzeugung tief, dass man gerade durch das Sprechen vielleicht sogar den Selbstmord fördert, da man ihm/ihr dann die Möglichkeit gibt, sich so lange damit auseinanderzusetzen, dass er/sie das auch wirklich tut und nicht mehr nur in Betracht zieht. Allerdings muss man dazu sagen, dass inzwischen wohl jeder Jugendliche Suizid als Fluchtmöglichkeit erkannt hat. Damit meine ich nicht, dass jeder Jugendliche immer wieder an Suizid denkt oder aber diesen wirklich für sich selbst in Betracht zieht; nein, damit meine ich, dass es für niemandem mehr eine “Offenbarung” ist, dass Selbstmord möglich ist. Deshalb ist es sicher nicht verkehrt, darüber zu sprechen. Man wird niemanden in den Suizid treiben, wenn man das Thema nur anspricht. Eher kann es eine heilende Wirkung haben, wenn jemand sich mit jemand anderem über diese Gedanken beraten kann. Sonst steigert man sich – wenn man alleine ist – nur noch mehr hinein.
Dies alles hier soll kein Vorwurf an Menschen sein, die nicht wissen, was sie tun sollen, wenn sie damit konfrontiert werden. Das soll ein Weckruf für die gesamte Gesellschaft sein, die schon viel zu lange wegsieht. Suizid wird beinahe schon alltäglich und Menschen, die nicht der Norm entsprechen sind mit ihren Sorgen viel zu oft alleine. Und selbst wenn man helfen will, weiß man oft nicht wie. Über Selbstmord zu sprechen ist schließlich ein Tabu, sodass man auch nie lernen kann, wie man nun damit umgehen soll. Man will einfach nur kein selbstmordgefährdetes Kind haben. Solche Gedanken zeugen von Schwäche. Das ist abnormal. Genauso wie depressive Freunde. Aber das ist es gerade nicht! Es ist eher das menschlichste überhaupt, einfach mal nicht weiter zu wissen. Es ist das menschlichste überhaupt unsicher zu sein, Angst vor der Zukunft zu haben und sich vielleicht wegen schlechten Noten mal die Seele aus dem Leib zu weinen. Aber es ist eben das, was sich häuft, das was nicht verarbeitet wird, das sie zu solchen Gedanken treibt. Gerade deswegen muss man ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken. Nicht in Form von Mitleid und leichten Schulterklopfern, sondern in Form von echter Aufmerksamkeit. Man muss ihnen Zeit widmen, ihnen Zeit lassen, einem ihre Wunden preiszugeben. Doch man darf nicht still dabei zusehen, wie ein Mensch immer tiefer abrutscht!
Sag, würdest du das hier sehen, würdest du wirklich nur zusehen? Darauf warten, dass sie abdrückt? Nein? Dann sieh auch nicht zu, wie sich ein Mensch selbst innerlich zu Grunde richtet. Denn Nichtstun bei Menschen, die immer weiter in Selbstmordgedanken flüchten, ist genauso wie wenn du darauf wartest, dass sie den Abzug drückt und ihr Leben vor deinen Füßen aushaucht.


